High End Kabel

Kabel sind für die meisten Menschen äußerst triviale und langweilige Gegenstände, über die ausschweifende Gedanken wenig lohnen. Kaufen, einstecken und aufgrund ihres wenig ästhetischen Erscheinungsbild möglichst unauffällig verlegen.

Fragen wir hingegen Fachverkäufer und Besitzer sündhaft teurer Heimbeschallungssysteme, werden Kabel zu einer eigenen Wissenschaft, wenn nicht gar Religion. Ob Monitor-, Netzwerk-, Antennen- oder Stromkabel, für alle Anwendungsbereiche existieren besondere, optimierte Exemplare, und wer möchte kann spielend vierstellige Beträge für ein paar Meter Audiokabel auszugeben. Doch lohnen solche Investitionen?

Wissenschaft versus Mystik

Rein unter mathematisch-physikalischer Betrachtung ist diese Frage eindeutig mit „Nein“ zu beantworten. Als banale Stromleiter, und nichts anderes sind unsere Kabel, interessieren sich Elektronen primär für den Widerstand, die Kapazität und Induktivität. Die notwendigen Werte um diese möglichst ohne Dämpfungsverluste und sonstige Nebenwirkungen zu transportieren, lassen sich berechnen und korrekt ausgeführt, sind die Unterschiede von Kupfer zu Gold oder Kryptonite als Innenleiter und besondere Beschichtung am Stecker messtechnisch vernachlässigbar.

Dem entgegen stehen die durchaus fantasievollen Produktionsmethoden der High End Hersteller. Der eine verwendet nur langsam gegossenes, hochreines Kupfer, das anschließend in einem Kryogenisierungs- und Einbrennprozess veredelt wird, der andere greift lieber zu lackierten Hohlleitern die handgewickelt an Rhodiumsteckern enden. Beide Kabel müssen natürlich in einer bestimmen Richtung angeschlossen werden und benötigen mehrere Tage „Aufwärmphase“ bis das volle Potential zur Geltung kommt.

In der Praxis

Was nach fragwürdigem Weihrauchschwenken und Jungefrauenopferung bei Vollmond klingt, besitzt in einem sehr bescheidenem Umfang tatsächlich hörbare Auswirkungen. Die erlebten Unterschiede reichen von „mehr Transparenz“ über „präzisere Tiefendarfstellung“ bis hin zum generell „homogeneren Klangbild“ und führen im A/B Blindtest zur eindeutigen Wiedererkennung und Bevorzugung.

Die vom Hersteller beworbenen „Wunder“, die ein solches Kabel zum „Must-Have-Feature“ einer jeden Produktion machen, bleiben hingegen aus. Oft ist der Sound lediglich „anders“, aber weder besser noch schlechter als die deutlich günstigere Konkurrenz. Steckt der Klangleiter als Verbindung zwischen nur mittelmäßigem Geräten, etwa einem günstigen Mikrofon und PreAmp oder D/A-Wandler und Lautsprecher, sind unter Umständen gar keine Veränderungen hörbar, da immer das Schwächste Glied der Kette den Klang limitiert.

Bin ich günstig rangekommen

Wenn High End Kabel nur unwesentlich zum perfekten Sound beitragen und bereits einfache Kupferleitungen ausreichen, bleibt fraglich, warum überhaupt mehr als ein paar Euro für diesen wenig spektakulären Gegenstand ausgeben?

Kabel vom „Wühltisch“ sind aus einem anderen Grund kritisch zu betrachten. Nicht, weil sie unglaublich schlecht klingen, nein, weil sie unglaublich schlecht verarbeitet sind und  eine unglaublich kurze Lebenserwartungen aufweisen. Irgendwo muss schließlich gespart werden. Die Befunde reichen von kalten Lötstellen, Ummantlungen die sich in Luft auflösen, Stecker die nach dem fünften Einsatz in ihre Einzelteile verfallen oder der einfachen Tatsache, dass es das Kabel nicht aufwickeln lässt.

Anders gesagt, das haptische Vergnügen ein langlebiges und zuverlässiges Kabel in den Händen zu halten, sollte uns der Sprung in die gehobene Qualitätsliga wert sein.

Das perfekte Stück Draht

Leitfähigkeit, Schirmung, Induktivität, Kapazität, Wellenwiderstand, Isolation, Skineffekt, … die unzähligen Parametern in Kombination mit den möglichen Anwendungsfällen machen klar, abgesehen von Supraleitern wird es wohl nie das eine, perfekte Kabel geben. In Annäherung daran, können wir jedoch immerhin ein paar technische Rahmenbedingungen als Indizien für die richtige Richtung festlegen. Ein professionelles, neutral klingendes und langlebige Kabel besitzt:

  • Leiter aus oxygenfreien Kupfer (99,99% Reinheit)
  • einen Aderquerschnitt, mit mindestens 0.22 oder besser 0.38 mmund mehr
  • eine verlässliche Schirmung, am besten doppelt ausgeführt
  • einen stabilen, aber dennoch flexiblen Gummimantel
  • hochwertige, korrosionsbeständige Steckverbindungen mit sauber verarbeiteten Übergangspunkten

Ein Mikrofonkabel dieser Klasse liegt etwa bei 3-4 Euro pro laufenden Meter, zuzüglich etwa 10 Euro für Buchse und Stecker.

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